Rezension: Myst

Rezension: Myst

Die Entwicklungsgeschichte sowie der Werdegang vom Urgestein Myst ist lang. Nachdem der erste Teil 1993 von der Softwareschmiede Cyan entwickelt wurde, reihte sich in den darauf folgenden Jahren ein ganzer Rattenschwanz an Nachfolgern, Add-Ons sowie Neuumsetzungen an. So entstanden in der Zeit bis 2007 ganze sieben offizielle Spiele der Reihe incl. einer finalen MMORPG Variante, welche jedoch letzendlich ihre Server schießen musste.

Auch wenn der ursprüngliche erste Teil zu seiner Zeit schon ein absolutes Grafik-Monster war, entwickelten sich die Teile im Laufe der Jahre natürlich auch technisch immer weiter. So entstand 2002 die erste Neuumsetzung des Klassikers, welche die mittlerweile veraltete Optik (dazu später mehr) in eine echte 3D-Umgebung portierte und den Namen realMyst trug. Weitere Umsetzung für bspws. Sega Saturn, Playstation, PSP, Nintendo DS folgten. So erschien es eigtl. kaum verwunderlich, dass 'der Adventure-Titel schlechthin' in seiner Urform irgendwann auch für Apples Geniestreiche iPhone und iPod Touch auftauchen musste. Wie sich das ganez spielt und ob der Kultfaktor auch hier erhalten blieb, lest ihr im folgenden:

Wer sich generell noch nie mit der ersten Fassung des Grafik-Adventures beschäftigt hat -immerhin ist diese schon gut 16 Jahre alt- wird sich mit dem angestrebten Spielkonzept eingangs vllt. ein bißchen schwer tun. So erscheint es zu Beginn zunächst mal etwas merkwürdig und -in Bezug auf aktuelle, durchdachte Computerspiele- ein wenig ungewöhnlich, dass das Spiel in einem absolut unklaren Kontext beginnt. Eigentlich kann man kaum von einem 'Anfang' sprechen, wird der Spieler doch völlig willkürlich erscheinend an einen Ort niedergelassen, der einem gleichermaßen sinnfrei sowie komplett überfordernd erscheint. Der einzige erste Hinweis, neben den etlichen verwirrenden Schalt-, Klick- und Hebel-Möglichkeiten, stellt ein kleiner, ebenso in Rätseln verfasster Brief dar, der irgendwo am Wegesrand liegen geblieben zu sein scheint. Vollkommen konfus..? Richtig! Soetwas wie eine richtungsweisende Einleitung oder Anweisung, ferner noch ein Tutorial existieren keineswegs.

Mit dem erwähnten Anfangsszenario ist jedoch schon ein großes Stück des Spielaufbaus beschrieben. Worum es in der Story geht, nach welcher Reihenfolge vorzugehen ist oder.. ja: was generell zu tun ist, bleibt in vielen Punkten sehr lange unklar und erschließt sich einem -wenn überhaupt- erst nach langem überlegen, kombinieren, rätseln, recherschieren und erkunden. Dazu aber später mehr!

Für Videospiele-Veteranen sowie ältere Semester dürfte bisher nichts neues erwähnt worden sein. Wenngleich eine Rezension über Myst ohne ausführliche Einleitung nicht funktionieren kann, stellt das Zentrum des Interesses doch die Qualität der Umsetzung auf dem iPhone/iPod Touch dar:

Die Portierung von Myst auf die mobile Plattform feiert mit Apples Device -wie eingangs erwähnt- nicht ihre Premiere. So existieren bereits Versionen für die PSP und den DS; Braucht man sich über dessen Handheld-Kompatibilität eigtl. also nicht mehr zu unterhalten. Was jedoch neu ist, beschreibt die komplette Steuerung über einen Touchscreen. Und sollte es noch Kritiker geben, die diese Form der Interaktion ablehnen, denen sei spätestens an dieser Stelle eine absolute Beführwortung ausgesprochen:
Was wohlmöglich in diversen Multitouch-Spielen noch zum Hindernis wird, funktioniert in einem eigentlichen Point-&-Click Adventure wunderbar. Fast erscheint es so, als sei das Spiel eigens für einen Touchscreen entwickelt worden. So maneuvriert der Finger den Spieler nahezu uneingeschränkt (in Punkto Kontrolle) durch die Gegend, löst Trigger unproblematisch aus und erlaubt es fast schon realitätsnah durch Buchseiten zu blättern. Einziges kleines Manko sind sehr selten auftretende, eng aneinander liegende Berürungsfelder, wie bspws. dichte Schubladen in einer Kommode, die man alle einzeln öffen kann. Hier wünscht man sich dann ab-und-zu doch einen differenzierten Mouse-Zeiger.

In Punkto Grafik kann man geteilter Meinung sein. Das Spiel kommt so gut wie komplett ohne Animationen aus und besteht eigentlich ausschließlich aus unzähligen, aneinander gereiten Rendergrafiken. Man hätte sich hier zwar doch ehr eine 3D-Umgebung wie in realMyst gewünscht, muss allerdings auch bedenken, dass es sich einerseits um eine exakte Umsetzung des Klassikers von 1993 handelt und der iPod/ das iPhone mit seinen Hardwaremöglichkeiten natürlich irgendwo auch auf Grenzen stoßen würde. So gewöhnt man sich doch relativ schnell an die anfänglich starr erscheinende Umgebung und freut sich zumindest jedesmal ein kleines bißchen, wenn dann dochmal eine marginale Animation auftaucht. Ohnehin sind die Rendergrafiken an sich alle sehr liebevoll, detailiert und teilweise wunderschön gestaltet. Auch die einzelnen Abstufungen bei den -quasi vorgegaukelten Kamerafahrten- liegen meistens sehr eng aneinander und betonen nach kurzer Zeit den fehlenden Fluss nicht mehr allzu sehr.
Und noch einen Vorteil hat das Grafikmodell des Spiels: der Akku des iPhone/iPod wird unglaublich effektiv geschont. Nach etwa einer 3 stündigen Spielzeit, ging mir gerade einmal ein Drittel der Kapazität verloren.

Die größte Stärke von Myst aber liegt in der Story bzw. dem Spielablauf. Wie anfänglich erwähnt, wird der Spieler zu Beginn schlicht vor eine Mauer schier unüberwindbar erscheinender Ratlosigkeit, Fragen und Rätsel gestellt. Da das Spiel unglaublich rar mit Hinweisen umgeht (eigentlich gibt es überhaupt keine), ist man sozusagen gezwungen die ganze Spielewelt selbst zu erkunden und verstehen sowie das gesamte Geschehen selbst zu gestalten.

Dennoch lassen sich nach einiger Zeit in den unzähligen großartigen Rätseln gewisse Muster erkennen. Wenngleich auch kein Rätsel dem anderen gleicht, sind dessen Lösungen jedesmal durch mehrere, zusammenspielende Faktoren bestimmt. So wird man nie eine Aufgabe bekommen in der man durch das Schlichte umlegen irgend eines Schalters ein Resultat erreicht. Rein theoretisch (um nichts zu verraten) läuft es ehr nach dem Muster ab: Man legt einen Schalter um, um irgendetwas zu aktivieren, das dann wiederum etwas anderes aktivieren kann, wenn man weiß wie, wodurch einem eine Information preis gegeben wird, die einem letztendlich bei der Lösung des Rätsels helfen kann. Und genau diese Kombinationen aus zumeist mindestens 3 (oder mehr) Faktoren macht die unglaublich hohe Motivation des Spiels aus.

Noch ein paar Eigenarten bzgl. iPhone/iPod -Umsetzung: Das Spiel bietet selbstverständlich eine Speicherfunktion, die einem 4 Slots zur Verfügung stellt. Ausserdem haben die Entwickler fairerweise einen Hint-Button eingebaut. Dieser nutzt die Schnittstelle zu Safari und leitet direkt zu einer sehr schön aufgebauten Komplettlösung weiter. Ich möchte an dieser Stelle dennoch jedem nocheinmal dringlichst raten, diesen so selten wie möglich zu benutzen. Andernfalls geht der gesamte Spielspaß verloren.
Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre soetwas wie eine Notitzfunktion. An einigen Stellen ist es unumgänglich sich Hinweise zu bestimmten Rätseln aufzuschreiben (merken ist zu umständlich). Stift und Papier dafür vorzukramen ist jedoch ehr lästig.

Fazit:
Was sich die Entwickler bei Cyan Worlds hier überlegt haben, hat sich also als absolutes Must-Have entwickelt. Gerade in der heutigen Zeit, der absolut durch-stilisierten Videospiel-Branche, stellt Myst mit seinen knackigen Rätseln und dem Bedarf an viel Eigeninitiative eine erfrischende Abwechslung dar. Wenngleich der Titel auch schon 16 Jahre auf dem Buckel hat, hat er keineswegs an Spielbarkeit eingebüßt. Und dieses Erlebnis auf eine mobile Plattform zu portieren kann nur das einzig richtige gewesen sein. Für mich stellt Myst die viel-zitierte und lang erwartete Killer-App bereits jetzt dar. Was früher vor den Power-PC gefesselt hat, tritt heute ebenbürtig in mobiler Form wieder in Erscheinung. Unbedingt spielen!
Gesamtwertung: 
5

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